Der Morgen danach

Als ich erwachte, wusste ich zuerst nicht, wo ich war. Mir taten die Knochen weh, denn in der Enge war der Schlaf nur wenig erholsam. Alles war dunkel um mich herum. Die Luft roch nach Rauch. Neben mir raschelte es in der Dunkelheit. Ich sah einen Spalt, durch den etwas Licht hereindrang.
Mir fiel wieder ein, dass wir uns in einer Geheimkammer versteckt hatten. Einem staubigen und muffigen Ort. Eigentlich zu eng für drei Personen, und daher voll mit stark abgestandener Luft.
Gestern schlief ich schon, als meine Eltern mich weckten. Wir hörten Lärm von der Straße, Schreie und wütende Sprechgesänge. Vater schickte uns in die alte Geheimkammer, die früher mal als Lager für Wertsachen gedient hatte, inzwischen aber nichts mehr von Wert enthielt. Alles war verkauft worden. Die Zeiten waren schlecht und bei einem Gespräch von Vater und Mutter verstand ich, dass das Geld für eine Reise war.
Ich erkannte in den Hassrufen die Stimmen von Nachbarn. Diesen Hass gab es nicht erst seit gestern. Es wurde mit der Zeit immer schlimmer. Wir spielten inzwischen nur noch drinnen und wagten uns nur selten auf die Straße. Eng war es hier. Die meisten Bücher hatte ich schon mehrfach gelesen.
Die Langeweile machte es noch unerträglicher, als es ohnehin schon war. Der kalte Hass in den Augen der anderen, machte mir angst. Die ständigen Übergriffe… von der Obrigkeit konnten wir hier nichts erwarten. Vater versuchte es einmal und auch einige unserer Bekannten. Sie glaubten uns nicht oder taten nur so oder lachten uns sogar aus. Ich verstand es noch nicht – mehrfach hatte mir Vater eingebläut, mich nicht zu wehren. Es würde alles nur noch schlimmer machen.
Am Abend, als die Meute kam und wir in die dunkle Kammer flüchteten, spürte ich, wie Mutter jedes Mal bei einem Klirren zusammenzuckte. Wir hörten die Worte, welche sie Vater gegenüber äußerten. Viele dieser Worte waren gemein. Es hörte sich an, als würden sie ihn schlagen. Er war überaus tapfer und verriet uns nicht. Dann wurde es ruhig in der Wohnung, aber wir trauten uns nicht heraus. Bisher hatte ich noch nie solche Angst. Mutter musste meine Schwester mehrfach am Kreischen hindern.
Wir warteten darauf, dass Vater uns herausholen würde. Aber er kam nicht. Auch wenn sie es verbarg, hörte ich das leise Schluchzen meiner Mutter. Sie dachte die gleichen Gedanken – wie ich. Wohl eine Mischung aus Trauer, Verzweiflung. Jede Regung, jede Handlung konnte die falsche sein. Wir gingen nicht heraus, dass hatte uns Vater mehrfach eingeschärft. Wir durften erst wieder raus, wenn er uns rausholte. Irgendwann schlummerten wir dann alle ein.
Jetzt, am nächsten Morgen, saßen wir jedenfalls zusammengekauert, hier in der Kammer. Mutter, meine Schwester und ich. Wagten uns kaum zu rühren, laut zu atmen. An Niesen war gar nicht zu denken, selbst wenn der Staub noch so sehr in der Nase kitzelte.
Wir warteten weiter. Aus Angst wagten wir nicht zu sprechen. Aber irgendwann hielten wir es nicht mehr aus. Mühsam kroch ich aus dem Versteck hervor. Ich zuckte bei jedem Geräusch zusammen. Das Knarren der Dielen, das Öffnen der Klappe und auch das leise Rascheln, als ich mich vorsichtig herausschob. Trotz der Kälte schwitzte ich.
Von dem, was wir vorher Heim nannten, war nicht mehr viel geblieben. Die Wände standen noch. Sonst war vieles umgeschmissen. Einiges gänzlich zerstört. Nicht wenig lag in Scherben auf dem Boden, so dass ich Mühe hatte, mich geräuschlos umzusehen. Mit jedem Schritt pochte mein Herz bis zum Hals, immer in Erwartung, ob nicht doch noch jemand auf uns lauerte.
Ich sah den Wandspiegel von Großmutter in Scherben. Auch das Porzellan war nicht mehr heil. Selbst die kleinen Scheiben von der Anrichte waren entzwei.
Vater konnte ich nirgends entdecken, aber glücklicherweise wartete auch niemand anders auf uns.

Nur 9.11.1938?

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